CAS Eigenweltorientierte Kommunikation Demenz

Dieser CAS ist ein Weiterbildungsangebot des Instituts Alter der Berner Fachhochschule. Er wird in enger Zusammenarbeit mit dem Verein Eigenwelt Demenz durchgeführt.

1. Inhalt

Als Eigenwelt bezeichnet Martin Heidegger (1889–1976) die ausschliesslich durch eigene Erfahrungen begründete Welt des Selbst. Jegliche Selbst-Erfahrung entsteht und wächst durch mannigfache Interaktionen des Selbst durch Kommunikation mit der belebten, sozialen Mitwelt sowie durch Umgebungsgestaltung der physikalisch-gegenständlichen Aussenwelt. Jegliche Interaktionserfahrung steht daher in Beziehung zum eigenen Selbst. Erfahrung heisst, mittels Interaktion sich selbst zu begegnen. Sich seiner Eigenwelt bewusst zu sein, heisst zu erkennen, dass es zur eigenen Erfahrung keine Alternative gibt. Die Eigenwelt des Selbst umfasst den subjektiven oder persönlichen Erfahrungs- und Wissensschatz eines Menschen.

Mit einer Demenzerkrankung wird u. a. das kurzzeitige Lernen beeinträchtig. Interaktionsbasierte Informationen werden nicht mehr valide und zuverlässig in den vorhandenen Wissens- und Erfahrungsschatz eingebunden. Betroffene fallen oft unvermittelt aus der kurzzeitigen Orientierung und Verbundenheit mit der Welt heraus. Der rote Faden reisst, man ist verloren in der existenziellen Grundfrage «Wer bin ich?», denn man steht vor Fragen wie «Was ist das?», «Wo bin ich hier?», «Wer ist mein Gegenüber?», «Was ist jetzt zu tun?», «Was hat man jetzt mit mir vor?». Ein bedrohlicher Abgrund kann sich öffnen. Im Territorium ihrer Eigenwelt können Betroffene Anhaltspunkte finden, um sich neu orientieren zu können. Die Eigenwelt ist der Ort, wo sie sich auskennen, wo ihre Würde, ihre Selbstbestimmung, ihr fundamentales ok-Sein beheimatet sind. Mitmensch sein von Menschen mit Demenz setzt voraus, sich in der Begegnung und Begleitung auf die Eigenwelt des Betroffenen einstimmen zu können. Dieses Einstimmen eröffnet für beide ungeahnte Möglichkeiten der Entfaltung. Wer sich mit Interesse auf das Gegenüber einstimmt, beginnt das Gegenüber neu wahrzunehmen: seine Stimmung, seine Mimik, seine Gestik, seine Worte, seine Geschwindigkeit, seine nonverbalen Signale für Distanz oder Nähe. Wer diesen Reichtum an Ausdrucksformen der Eigenwelt des Gegenübers wahrnimmt, ist eingeladen, etwas davon mit ehrlichem Interesse und erwartungsoffen aufzugreifen.

Dem Menschen mit Demenz kann dies gerade in dem Moment die Möglichkeit eröffnen, sich selbst zu begegnen, mit sich selbst vertraut zu werden. In solchen Momenten der Begegnung können Menschen mit Demenz über sich hinauswachsen, denn sie schöpfen aus ihrem unermesslichen Erfahrungs- und Wissensschatz und finden dort für ihre Anliegen ihre Fähigkeiten, Antworten, Lösungen.

Das Interaktionsmodell Eigenwelt Demenz orientiert sich an den existenziellen Prämissen des Menschseins: die vorausgesetzte Vulnerabilität des Daseins, das Mit Sein mit anderen Menschen, das Beheimatet Sein in der lebensräumlich-gegenständlichen Welt, die Sorge um das fundamentale Ok-Sein als Mensch, in der zur Verfügung stehenden Zeit etwas mit seinem Leben anzufangen, das ihn erfüllt, seine Resilienz stärkt und dem Leben Sinn verleiht. Diese Prämissen gelten bis zum letzten Atemzug auch für Menschen mit Demenz.

Mit dem Fortschreiten einer Demenzerkrankung stehen Begleit-, Betreuungs- und Pflegepersonen vor der Herausforderung, sich in der Kommunikation vermehrt an der Eigenwelt des demenzkranken Menschen zu orientieren. Eigenweltorientierte Kommunikation kann Verbundenheit, Sicherheit, Vertrauen und Kooperationsbereitschaft stärken. Körperliche, kognitive und emotionale Ressourcen und Fähigkeiten können so für die Lösung herausfordernder Alltagssituationen aktiviert werden. In eigenweltorientierter Beziehungsgestaltung können Angehörige, Freiwillige, Professionelle und Menschen mit Demenz mehr Gelassenheit, Wertschätzung und beglückende Momente erleben.

Die wissenschaftliche Evaluation der Interaktionsschulung «Eigenweltorientiert kommunizieren lernen» zeigt auf, dass betreuende Angehörige im Verlauf der Schulung ihr Belastungserleben signifikant reduzieren und ihre Kompetenzen in befähigender Alltagskommunikation wirkungsvoll weiterentwickeln können.

2. Ziele

Sie haben sich vertieft mit den Grundlagen des Interaktionsmodells Eigenweltorientierte Kommunikation Demenz auseinandergesetzt und verbinden diese mit Ihren praktischen Erfahrungen bei der achtsamen Anwendung im Alltag oder in Schulungssettings.

Sie sind vertraut mit Haltung und Technik der idiolektischen Gesprächsführung, die sich an der Eigensprache des Gegenübers und den Grundbedürfnissen der Kommunikation nach Sicherheit, Verbundenheit, Kooperation und Selbstbestimmung orientiert. Sie können sie in Stress- und Alltagssituationen mit Menschen mit Demenz sowie in Beratungs- und Schulungssettings mit betreuenden Angehörigen resp. Freiwilligen gezielt und achtsam anwenden und wirkungsorientiert reflektieren.

Sie sind vertraut mit Haltung und Prinzipien körperlich-emotionaler Kopräsenz in eigenweltorientierter Kommunikation durch Bewegung und Berührung. Sie können sie in emotional oder alltagspraktisch herausfordernden Situationen mit Menschen mit Demenz sowie in Beratungs- und Schulungssettings mit betreuenden Angehörigen resp. Freiwilligen gezielt anwenden und reflektieren.

Sie sind in der Lage, als zertifizierte:r Trainer:in CAS Eigenweltorientierte Kommunikation Demenz mit betreuenden Angehörigen oder Freiwilligen von Menschen mit Demenz bedarfs- und bedürfnisgerechte Interaktionsschulungen «Eigenweltorientiert kommunizieren lernen» zu planen, zu organisieren, durchzuführen und zu evaluieren.

3. Aufbau

Der CAS Eigenweltorientierte Kommunikation Demenz setzt sich zusammen aus 3 je sechstägigen Kursblöcken, einer eigenständig organisierten, durchgeführten und evaluierten Angehörigen- oder Freiwilligenschulung sowie einem Reflexionsbericht als Kompetenznachweis.

Block 1: Demenz: Eigensprache als Ressource

Grundlagen, Haltung und Methodik der Idiolektik, einer achtsamen Art der Eigenwelt orientierten Kommunikation mit Hilfe der verbalen, nonverbalen und paraverbalen Eigensprache. Anwendung sowohl mit Menschen mit Demenz als auch mit betreuenden Angehörigen und Freiwilligen in Einzel- oder Gruppensettings. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Unsicherheits- und Stresserleben von Menschen mit Demenz und den daraus folgenden Konsequenzen für eine befähigende Betreuung.

Block 2: Demenz: Bewegung und Berührung als Ressource

Grundlagen, Haltung und Methodik körperlich-emotionaler Kopräsenz in eigenweltorientierter Kommunikation mit Menschen mit Demenz. Dazu gehören befähigende Bewegungs- und Berührungskommunikation in emotional- oder alltagspraktisch herausfordernden Situationen anhand der Bewegungslehre Kinaesthetics sowie förderliche Faktoren psychosozialer Hygiene und Selbstsorge in nahen Beziehungen.

Block 3: Interaktionsschulung «Eigenweltorientiert kommunizieren lernen»

Grundlagen der Curriculumentwicklung bedürfnisorientierter Schulungen. Inhalte, Methodik, Didaktik, Evaluation der Interaktionsschulung «Eigenweltorientiert kommunizieren lernen» für betreuende Angehörige resp. betreuende Freiwillige. Eigenständige Planung und Evaluation der Schulung sowie Rekrutierung von Teilnehmenden.

Anwendung im eigenen Praxisfeld

Anschliessend an den Block 3 erfolgt die eigenständige Durchführung und Evaluation einer Angehörigen- oder Freiwilligenschulung, welche mit einem Reflexionsbericht als Kompetenznachweis dokumentiert wird.

4. Durchführung

  • Durchführung 2025 / 2026: Start am 9./10. April 2025
    Insgesamt 18 Studientage im Zeitraum April 2025 – März 2026
    Praxisphase mit Durchführung einer Interaktionsschulung: ab April 2026 
  • Durchführung 2026 / 2027: Geplanter Studienbeginn Herbst 2026.

5. Studienleitung und Dozierende

Studienleitung:
Bernhard Müller, Institut Alter, Berner Fachhochschule

Dozierende:
Bernhard Müller, Projekt- und Studienleiter, Berner Fachhochschule, Institut Alter
Tilman Rentel, Dr. med., Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Traumatherapeut DeGPT, Kommunikationstrainer und Idiolektik-Ausbilder

Studienassistenz:
Andrea Hänni, Trainerin CAS Eigenweltorientierte Kommunikation Demenz
Gerda Fiacco, Trainerin CAS Eigenweltorientierte Kommunikation Demenz

6. Information und Ansprechperson

Bernhard Müller Tel. 031 848 36 72
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7. Anmeldung

Online-Anmeldung auf der Webseite des Instituts Alter der Berner Fachhochschule
CAS Eigenweltorientierte Kommunikation Demenz | BFH

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